Archiv der Kategorie: Web 2.0

Das Schöne am Recht: Alle sabbeln mit

Das Schöne am Recht zeigt sich heute wieder einmal besonders in der Debatte zum Gäfgen-Urteil des EGMR im lawblog: So gut wie niemand würde auf die Idee kommen, z.B. in einem naturwissenschaftlichen Blog als Laie die herrschende Lehren der Quantenphysik zu bezweifeln. Auch über die Gehirnchirurgie, die Systemtheorie nach Luhmann oder die Übersetzung der Qumran-Rollen aus dem Hebräischen gibt es vergleichsweise wenig öffentliche Streitigkeiten. In unserer Disziplin ist das anders: Kaum wird ein Gesetz oder ein Urteil veröffentlicht, das der Bild-Zeitung / dem “gesunden Menschenverstand” / dem “gesunden Volksempfinden” oder ähnlich relevanten Auslegungsmaßstäben widerspricht, ist die Aufregung groß und die Kommentare quellen über. Meinen ehrlichen Respekt hat der Kollege Udo Vetter, der es in seinem Blog immer wieder schafft, diesen ganz besonderen Nerv zu treffen und damit erfolgreich Leser (und Kommentatoren) zu binden.

Das Lesen der Kommentare ist dagegen oft keine Freude: Da wird mit den absurdesten Theorien gearbeitet und jedes Mal der Vergleich mit dem armen Steuerzahler / Parksünder / Ottonormalverbraucher gezogen, und sei er noch so unpassend. Am Schluss sind sowieso alle Nazis, und die eine Hälfte der Diskutanten ist beleidigt, während der andere Teil jetzt aber ganz doll wirklich dringend und unbedingt mal auswandern will (sobald es geht / wieder Geld in der Kasse ist / die Sonne scheint usw.). Das Auswandern bereitet allerdings oft Probleme, weil ja sowieso die EU an allem Schuld ist, die aber mangels Einwilligung des noch bestehenden Deutschen Reiches nach Ansicht einiger Diskutanten derzeit handlungsunfähig ist.

Ach, das ist doch wirklich zu schön. Wer will da noch über Quantenphysik diskutieren?

Ein juristischer Rundgang über die CeBIT

Gestern war es wieder soweit: Zusammen mit meinem Webdesigner habe ich in Hannover die CeBIT besucht. Normalerweise fahre ich alle zwei bis drei Jahre zu dieser Computermesse, und auch diesmal interessierten mich einerseits spezielle juristische Angebote und andererseits ganz allgemein Innovationen im Computerbereich. Leider mangelte es an beidem, so dass mein Fazit ernüchternd ausfällt: noch nie war die CeBIT so uninteressant wie in diesem Jahr.

Schon an der Ausstellungsfläche merkt man, dass die IT-Branche derzeit nicht die besten Geschäfte macht. Viele große Anbieter haben überhaupt nicht den Weg nach Hannover gefunden. Marken wie Apple oder Nokia sucht man auf der CeBIT vergebens. Und die Anbieter, die da sind, zeigen zumeist keine echten Innovationen, große Neuerungen fehlen.

Beispielhaft dafür ist der große Stand von Microsoft in Halle 3, der ganz auf Office 2010 ausgerichtet ist, das in mäßig interessanten Präsentation vorgestellt wird. Das wäre aber überhaupt nicht nötig, denn die Betaversion der Software liegt seit Wochen den Computerzeitschriften bei. So ist es auch kein Wunder, dass Microsoft in Hannover CDs mit dem Logo der Computer BILD verteilt. Immerhin zeigt Microsoft in einem kleinen Bereich des Standes auch Mobiltelefone mit Windows-Betriebssystem, die man gleich ausprobieren kann.

Ganz anders sieht das am Stand der Deutschen Telekom in Halle 4 aus. Auf dem großen Stand wird wenig präsentiert, wenn man von den rosa Krawatten der Mitarbeiter einmal absieht. Produkte oder Services sucht man dort vergebens, stattdessen läuft man unter beleuchteten Stichworten über viel freie Fläche. Besucher, die keinen Termin vereinbart haben, werden von den Mitarbeitern der Telekom allerdings auch unfreundlich weggebeten, so dass es auf die fehlende Präsentation letztendlich auch nicht mehr ankommt. Was die Telekom mit ihrem zweifelsohne teuren Stand erreichen will, bleibt ihr Geheimnis.

Erheblich freundlicher und inhaltlich gewichtiger präsentierte sich dagegen der Stand von Wolters Kluiver in Halle 5. Kurz nach unserer Ankunft hielt dort der ehemalige Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement (ehemals SPD) eine Rede über die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise für unsere Sozialsysteme, in der er grundlegende Veränderungen und wesentlich stärkere Selbstverantwortung für große Teile der Gesellschaft forderte. Verglichen mit den von Clement vorgetragenen Thesen erscheint Guido Westerwelle derzeit als weichgespülter Sozialromantiker. Nach dem streitbaren Vortrag wurde uns auf dem Stand die Kanzleisoftware AnNoText präsentiert, die sicher einen zweiten Blick wert ist.

Überhaupt nichts präsentiert wurde uns leider auf den winzigen Ständen von Juris (Halle 5) und LexisNexis (Halle 6). Ob dies an mangelndem Personal oder fehlendem Willen lag, kann ich nicht beurteilen. Nach jeweils ca. 10 Minuten Wartezeit war uns jedenfalls klar, dass den Unternehmen nicht viel an einer Präsentation für ihre Zielgruppe gelegen war.

Deutlich besser fiel der Besuch des Beck Verlags aus München in Halle 9 aus. Neben diversen Print-Produkten wurde dort natürlich die Rechtsdatenbank Beck Online gezeigt, die uns von einem freundlichen Mitarbeiter auch ausführlich vorgestellt wurde. Hier zeigte man uns einige Neuerungen der Suchfunktion (“Patentanwälte lieben vor allem die Operatoren”) sowie diverse Angebote wie “Anwalt Premium” oder das Modul Medizinrecht.

Das spannendste Gespräch führten wir in Halle 2 im Bereich Open Source mit einem Entwickler von Firefox. Dort war zu erfahren, dass Firefox und Thunderbird zukünftig stärker als bisher im Business-Bereich etabliert werden sollen, weshalb es nötig sei, die Software stärker als bisher zu individualisieren. Ein Ansatz dazu ist die Website Build your own Browser, auf der man seine eigene Firefox-Version zusammenbauen und anderen zur Verfügung stellen kann. Auch Feedback für zukünftig zu implementierende Funktionen ist dort sehr willkommen.

Geradezu langweilig präsentierte sich dagegen der Web 2.0-Bereich – daran änderte auch die Diskussionsrunde mit Robert Basic und anderen Teilnehmern nichts. Was die Tagesschau und Amazon Web Services im Bereich Web 2.0 präsentierten, hat sich mir ebenfalls nicht erschlossen. Google stellte einige Fahrzeuge mit aufgebauten Kameras aus, mit der die Street-View-Aufnahmen gemacht werden. Dies führte auch gleich zu aufgeregten Diskussionen einiger älterer Herrschaften mit dem Standpersonal. Unter anderem sagte ein Anwesender, er sei selbst Jurist und habe Google schon verklagt, denn wenn der Staat keine verdachtsunabhängigen Geschwindigkeitskontrollen auf Autobahnen machen dürfe, dann sei Google das Fotografieren von Wohnhäusern rechtlich erst recht verboten. Mir lag zwar auf der Zunge, dass Google nicht der Staat ist und die Panoramafreiheit urheberrechtlich durchaus auch anders ausgestaltet ist als die massenhafte Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten, aber letztlich habe ich mir doch auf die Zunge gebissen.

Schließlich gibt es auch noch den Consumer-Bereich in den Hallen 14 bis 16. Zusammenfassend dazu nur ein paar Stichworte: anstrengend, laut, unübersichtlich und unspektakulär. Überhaupt fehlten auf dieser Cebit die großartigen Produkte und Services, die spritzigen Ideen und pfiffigen Präsentationen. Offenbar ist die Wirtschaftskrise in der IT angekommen.

Falsch abgemahnt

Die Mitarbeiter eines Unternehmens finden das Firmenlogo auf fremden Webseiten. So geht es nicht, deshalb wird die Rechtsabteilung hinzugezogen. Diese prüft den Fall und befindet, dass es sich um einen Fall von Markenausbeutung und Rufschädigung handelt. Eine Anwältin wird beauftragt, die die Webseitenbetreiber abmahnt.

So weit, so normal.

Blöd nur, dass die abgemahnten Webseitenbetreiber an der Sache völlig unschuldig sind. Das fremde Firmenlogo wird nämlich nur auf den Rechnern des abmahnenden Unternehmens angezeigt, weil es Teil eines Werbeblockers ist.

Und noch blöder, dass das abmahnende Unternehmen ausgerechnet den Werbeslogan “Unsere Branche: Telekommunikation – Informationstechnologie” führt.

Die ganze Geschichte gibt es im Blog von Karsten Windfelder zu lesen.

Blog-Neustart

An dieser Stelle war in letzter Zeit nicht viel Neues zu lesen. Aber das neue Jahr ist jung, meine eigene Kanzlei seit letztem Wochenende offiziell eröffnet, und nun ist es Zeit, auch das Blog wieder “auf Vordermann” zu bringen. Also werde ich hier in den kommenden Tagen ein wenig am Design herumspielen und verschiedene Änderungen probieren. Und neue Inhalte soll es natürlich auch wieder häufiger geben.

Generation (fast) doof

Allgemeinbildung testen

Nettes Spielchen, überwiegend einfache Fragen, mal wieder gescheitert an Sportfragen.

(gefunden bei Petronella)

Börsenmakler und ähnlich unnütze Personen

“Dein Sprachstil laeßt auf Bildung schliessen. Du arbeitest dir bestimmt nicht den Rücken wund. Der Ausdruck “Zum Kotzen” wird öffentlich gerne von Börsenmaklern und ähnlich unnützen Personen als Antwort auf Kritik an ihren Machenschaften benutzt.”

(Kommentator #5 aspirin zu einem Diskutanten der Frage, ob die öffentliche Hand zu 100 % für die Rettung deutscher Touristen aus Notsituationen aufkommen soll.) Die Dauertrolltage bei …jurabilis! zeigen einen traurigen Höhepunkt nach dem anderen. Wo nimmt dieses Blawg nur immer solche Kommentatoren her?

Rechtsgezwitscher

Job- und Diss-Endphasen-bedingt komme ich kaum noch dazu, längere Stücke zu bloggen. Aber immerhin für schnelles Gezwitschere bei Twitter langt es noch. Seit gestern habe ich dort einen eigenen Account. Leider war der Name obiterdictum längst an einen amerikanischen Juristen vergeben, aber Interessierte dürfen mir gern hier folgen.

Viele bekannte deutsche Blawger waren natürlich schon längst vor mir dort. Aber wie heißen eigentlich rechtskundige Twitterer – vielleicht Tlawtter? Oder Twanwälte? Oder Juritter? – Nee, wohl eher nicht.

Strömwochenenden mit Schutzengel und Herzensenergie

Bekommen meine Leserinnen und Leser mit XING-Profil auch so illustre Termine vorgeschlagen? Ich wundere mich jedenfalls über “Strömwochenenden” und Seminare, die mir Kontakt zu meinem Schutzengel vermitteln sollen, Herzensenergieabende, Workshops für (oder gegen?) Flüche sowie Abende zu “Reinigung und Räucherung”. Immerhin ist auch ein Seminar dabei, das “Investieren wie institutionelle Anleger” verspricht und zeigen soll, wie man Lebensversicherungen aufkauft.

Ich frage mich auch, ob dem eigenwilligen Angebot eine entsprechende Nachfrage gegenübersteht. Falls dem tatsächlich so sein sollte, werde ich vielleicht auch mal ein Seminar anbieten. “Das BGB gemeinsam durchlesen” oder “Wir singen das Verwaltungsrecht” sollte schließlich mindestens soviele Teilnehmer anziehen wie ein Schutzengelseminar.

Kinderweblogschock

Wenn es in den späten 70ern und frühen 80ern des letzten Jahrhunderts schon das Internet und Weblogs gegeben hätte, dann könnte ich jetzt möglicherweise meine Babyphotos (“Er ist ja sooooo süß!”), Berichte meiner Mutter über meine diversen Befindlichkeiten und Kinderkrankheiten (“Er zahnt schon!”), Zappelphilipp-Geschichten (“Warum sitzt er nicht still / schläft er nicht durch / mag er nicht richtig essen?”), Diskussionen über meine Ernährung und das richtige frühkindliche Spielzeug für mich (“Er ist ja so begabt!”) und – Gott bewahre! – MP3-Dateien mit Baby-Brabbeleien und Kindergartengesängen (“Mit drei Jahren kann er schon …”) herunterladen. Stattdessen gibt es glücklicherweise nur diverse alte papierne Fotoalben mit vergilbten Bildern, Erinnerungen an Milupa-Brei und Sanostol (ein Grund für über 190 cm Körpergröße?), einige im Elternhaus erhaltene selbstbemalte Erinnerungsstücke aus dem Kindergarten und eine vollgesunge Musikcassette mit Kindergarten-Hits wie “Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Zigarette Heu enthält” im hintersten Winkel des Dachbodens. Glück gehabt!

Die heutigen Kleinkinder haben es nicht so gut. Jungmuttis und -papis basteln Weblogs für die lieben Kleinen, stellen vom ersten Ultraschallbild bis zur Konfirmation ganze Bilderserien ihrer Sprößlinge auf ihre Internetseiten, und noch im Rentenalter um das Jahr 2080 werden die heutigen Kinder als Greise nachlesen können, wann ihnen im Jahr 2008 das Fieber der Mittelohrentzündung zugesetzt oder der Schneidezahn gewackelt hat. Ganz mutige Eltern diskutieren in ihren Weblogs sogar, ob man Schreikindern nachts ausnahmsweise mal ein leichtes Narkotikum verabreichen darf, wie man Maurice-Romeo das Fingernägelkauen abgewöhnt und warum Leana Tiara Aimee nach dem Genuss von Pastinake-Pampe immer so laut pupst. Etwa ab der Mittelstufe führen diese Einträge, die selbstverständlich nie wieder rückstandsfrei aus dem Netz zu entfernen sind, zu großer Freude unter den dann halbwüchsigen Klassenkameraden.

Muss man den armen Kindern das alles antun? Reicht es nicht, dass wir erwachsenen Blogger uns mit unseren eigenen Geschichtchen weltweit lächerlich machen? Oder juristisch formuliert: Gebieten es nicht allgemeines Persönlichkeitsrecht und Kindeswohl den Eltern, mit den personenbezogenen Daten ihres Nachwuchses und dabei vor allem den kindheitsbezogenen Aspekten sorgsam umzugehen?

Hoffentlich erinnert mich jemand umgehend an meine eigenen Worte, falls ich dereinst als stolzer Papa das erste Weblog für Kendra-Florentina oder Bobby Cedric Jonas eröffnen sollte… ;-)

(P.S. Aus naheliegenden Gründen finden sich in den Artikeln keine Verlinkungen. Die geneigte Leserschaft ist sicher längst selbst auf genügend abschreckende Beispiele der oben genannten Art gestoßen.)

Fast so schön wie im Heise-Forum

Dank des kleinen Artikels zu ausgeschlossenen Anwälten wurde ich nicht nur gevettert und jurabilisiert, sondern habe mir auch einige nette Kommentare gefangen. Auch die Zugriffszahlen gehen in die Höhe. Bei WordPress.com stehe ich heute auf Platz zwei der Top-Posts zwischen Gina-Lisa putzt (fast) nackt für Geld und Fady Maalouf als schwul geoutet. Muß ich mir Sorgen machen?