Daten sind ein Rohstoff, der aufbereitet und als Ware verkauft werden kann. Ihr Inhalt bestimmt z.B. darüber, ob ein Geschäft zustande kommt, wie hoch der Beitragssatz der privaten Krankenversicherung ausfällt, ob eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erfolgt, ob ein Kredit gewährt oder eine Klage erhoben wird.
Wer mit einer Person einen Vertrag schließen will, wird versuchen, soviel wie möglich über sie zu erfahren. Wer aus einem Vertrag wieder herauskommen oder gegen eine Person vorgehen will, benötigt häufig noch mehr Informationen. Während früher oft Detektive eingeschaltet wurden, wird diese Arbeit heute zunehmend automatisiert. Die erste, kostenlose Suche führt meistens über eine Internetsuchmaschine wie Google. Viele wissen jedoch nicht, daß außerhalb des öffentlich zugänglichen WWW noch weit mehr Informationen über uns alle gespeichert sind.
Mit diesen Informationen floriert seit Jahren ein internationaler Datenhandel. Eines der größten, aber bei weitem nicht das einzige Unternehmen auf diesem Gebiet ist der Informationsgigant Reed-Elsevier. Elsevier ist vielen Forschern und Studenten als Wissenschaftsverlag bekannt, über deren Bezugspreise für Fachzeitschriften viele Bibliotheken verzweifeln. Doch der Konzern bietet weit mehr an, z.B. den Rechts- und Business-Informationsdienst LexisNexis, oft kurz nur Lexis genannt.
Lexis-Zugriffe sind nicht ganz billig, bieten aber viel. Während der Dienst in Deutschland überwiegend Gesetzestexte, Urteile und Kommentare anbietet, ist die amerikanische Mutter schon um einiges weiter: Hier vereinigen sich Informationen aus tausenden von privaten und öffentlichen Datenbanken zu einem machtvollen Analyseinstrument. Fast schon bescheiden wirkt es, daß man in Sekundenschnelle alle amerikanischen Fälle finden kann, in denen z.B. ein Unternehmen verklagt wurde. Oder alle Entscheidungen eines bestimmten Richters. Oder alle Urteile, denen ein Stolpern über eine Bananenschale im Supermarkt zugrundeliegt.
Weitaus unheimlicher wirken die Business-Funktionen dieser und anderer Suchgiganten. Sie wollen wissen, was der Vertriebschef von, sagen wir, Banana, Inc. in Miami pro Jahr verdient? Kein Problem, Lexis weiß das. Und für etwa 20 Dollar sagt Ihnen die Software das auch. Sie brauchen eine Sozialversicherungsnummer eines Schuldners, den Sie seit Monaten durch das Land jagen? Auch kein Problem, selbst unvollständige Namen, Abkürzungen und Spitznamen werden erfaßt. Jetzt haben Sie eine Person gefunden und wollen die genaue Anschrift? Bitte sehr, die aktuelle und zumeist auch alle früheren Anschriften sind gespeichert. Als Beispiel hat mir dies vor einigen Wochen eine Lexis-Trainerin anhand ihres eigenen Namens präsentiert: Sämtliche 13 Wohnadressen seit dem College waren gespeichert, und darüber war selbst die Mitarbeiterin des Unternehmens nicht gerade glücklich. Wer braucht angesichts dessen noch ein Einwohnermeldeamt (das in den USA ebenso wie ein Personalausweis als Vorbote des Faschismus abgelehnt wird)? Und Lexis ist kein Einzelfall. Auch deutsche und europäische Unternehmen arbeiten längst an riesigen Datensammlungen, die mit bestimmten Tools auch Marktanalysen und Trends ermitteln können.
Wer sich fragt, warum ich das alles aufschreibe und wie diese Thematik mit dem StudiVZ zusammenhängt, muß sich nur noch ein paar Sätze gedulden. Ganz ohne Bezug zum deutschen StudiVZ haben sich heute nämlich einige Anwälte meiner Ausbildungskanzlei über die auch in den USA vielfältig genutzte social software unterhalten. Und deren unreflektierter Gebrauch birgt deutliche Risiken, die ich kurz aufzeigen will, ohne dabei Details preiszugeben:
So prüfen z.B. Colleges regelmäßig die MySpace-Profile ihrer Bewerber auf die dort geschilderten Vorlieben, Verhalten und Charaktereigenschaften ab. Dieser Dienst ist unter Schülern sehr beliebt und verrät manche Eigenschaften, die höhere Schulen an ihren künftigen Zöglingen lieber nicht sehen. Schon im Teenager-Alter kann eine leichtfertige Internet-Präsentation also zu ungeahnten Konsequenzen für den weiteren Bildungsweg führen.
Aber auch im Berufsleben ist man vor ungewohnten Überraschungen nicht sicher. Bewerbungen im sicherheitsrelevanten Bereich (und das kann schon eine ganz harmlose Stelle bei irgendeiner Behörde sein) sind inzwischen mit Sicherheitschecks verbunden, die selbst fachlich qualifizierte Bewerber aus dem Rennen werfen - weil sie sich online mit zweifelhaften Vorlieben, als Konsumenten leichter Drogen, einer politisch extremen Meinung oder einfach nur den falschen Freunden gezeigt haben. Daten, die aus dem öffentlichen Netz verschwunden sind, können selbst Jahrzehnte nach ihrer Löschung noch in privaten Datenbanken vorhanden sein. Darauf basierende Entscheidungsprozesse mögen falsch, ja sogar rechtswidrig sein - unvorhersehbar sind sie indes nicht.
Allen, die ihre Daten bei StudiVZ und ähnlichen Anbietern ablegen, sei deshalb das Folgende ans Herz gelegt: Erstens muß sich jeder bewußt machen, der seine Daten in einem solchen System ablegt, daß er eine Ware liefert, die einen gewissen Wert hat. Steht dem ein adäquater Nutzen gegenüber, spricht zunächst nichts dagegen, sich an solchen Netzwerken zu beteiligen (der Autor dieser Zeilen ist selbst seit längerer Zeit bei der erwachseneren Konkurrenz openBC, jetzt XING, Mitglied). In einem zweiten Schritt sollte sich allerdings jeder überlegen, welche Informationen er in öffentlich zugänglichen Netzen ablegt. Daß im Zweifel alle Daten öffentlich zugänglich sind, haben DonAlphonso und viele andere in den letzten Tagen mehr als deutlich bewiesen.
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