Englische Zivilrichter bald oben ohne

14 05 2008

Die englischen Zivil- und Familiengerichte schaffen ab Oktober die Perücken für Richter ab, und die drei Jahrhunderte alten Roben werden durch zeitgemäßere Modelle ersetzt. Kritiker des neuen Gewandes halten es für eine Mischung aus amerikanischem Freikirchentalar und Star Trek-Uniform.

Bei den Strafrichtern und den Anwälten bleibt dagegen alles wie gehabt. Interessant an der Debatte ist vor allem das Argument, dass die Perücke die Anonymität des Richters vor unterlegenen Parteien oder verurteilten Straftätern schützt. Für den Anwalt gilt das natürlich nicht. Dennoch will die Bar Association das Erscheinungsbild der Anwälte nicht verändern.





Dowland neu entdeckt

26 10 2006

Um gleich mal eines vorwegzunehmen: Ich verabscheue diese furchtbaren Veranstaltungen mit Titeln wie Pop meets Classic, auf denen viertklassige Knödeltenöre auf zwei Minuten verkürzte, süßlich-umarrangierte Opernarien zum besten geben. Auch gelockte Holländer, die mit ihrem bunt gewandteten Schunkel-Orchester in einem Höllentempo alle Strauß-Walzer an einem Abend geben, sind mir zutiefst zuwider. Deshalb war ich zunächst skeptisch, als ich hörte, daß der von mir als Popmusiker sehr geschätzte Sting einige Songs des Renaissancekomponisten John Dowland (1563-1626) aufgenommen hat. Gesang zur Laute, interpretiert vom ehemaligen Police-Rocker Sting? Das mußte ich mir anhören!

In einem kleinen, aber gut sortierten CD-Geschäft am Dupont Circle wurde ich sogleich fündig: Tatsächlich hat Sting sein neues Album Songs From The Labyrinth (nach dem Labyrinth der Kathedrale von Chartres, dem das Schalloch der von ihm gespielten Laute nachgebildet ist) beim Traditionslabel Deutsche Grammophon veröffentlicht. Positiv treten denn auch Covergestaltung, ein umfangreiches Booklet mit einem klugen Text Stings und der Verzicht auf jeglichen Kopierschutz hervor, der die zahlende Kundschaft beim Abspielen auf dem Notebook nerven könnte.

Die eigentlich Sensation ist jedoch die Musik selbst: Die Interpretation dieser so leicht klingenden und in Intonation und Artikulation doch so schwierig zu bewältigenden Songs ist ganz erstaunlich. Sicher, Stings Stimme ist nicht klassisch ausgebildet und besitzt nicht die feine Präzision, die beispielsweise die Interpretation Emma Kirkbys auszeichnet. Und dennoch versteht es Sting mit seiner mal rauhen, mal ganz sanft-verpielten, aber emotional immer treffenden Stimme, den bekannten Kompositionen Dowlands neues Leben einzuhauchen. Begleitet wird er dabei vom Lautenisten Edin Karamazov, zu dessen (teilweise auch solistischem) Spiel mir nur ein Wort einfällt: Weltklasse!

Nicht jeder Klassik-Hörer wird dagegen schätzen, daß die Musik immer wieder von Lesungen aus einem Brief Dowlands an die englische Krone unterbrochen wird, und einige akustisch-technische Spielereien wie z.B. das Läuten einer Glocke sind auch eher unnötig. Die Faszination, die dieses Album beim Hören auslöst, kann das allerdings nicht trüben.

Insgesamt taugt Stings Interpretation sicher nicht für eine Dowland-Referenzaufnahme. Allerdings zeugt sie von einer intellektuellen Strahlkraft und musikalischen Tiefe, an der sich manch etablierter Vertreter des Kulturbetriebs ein Beispiel nehmen kann. Für mich sind die labyrinthischen Lieder jedenfalls schon jetzt die Überraschungsaufnahme des Jahres!





Last Night of the Proms

9 09 2006

Heute abend erwartet Freunde der Musik wieder ein ganz besonderer Genuß: Der NDR überträgt von 20.00 bis 24.00 Uhr die Last Night of the Proms live aus der Royal Albert Hall in London. Erstmals singt dort mit Andreas Scholl auch ein Countertenor, unter anderem Werke von Georg Friedrich Händel. Natürlich werden auch die typischen Last-Night-Elemente wie der Pomp and Circumstance Marsch Nr. 1 von Edward Elgar, die British Sea Songs von Henry Wood und natürlich der Jerusalem-Choral zum Abschluß nicht fehlen. Unbedingt anschauen!