Thomas Buergenthal erhält Göttinger Ehrendoktorwürde

19 04 2007

Der amerikanische Rechtsprofessor und Richter am Internationalen Gerichtshof Thomas Buergenthal erhält heute während eines Festakts die Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen. Buergenthal, der das KZ Auschwitz und einen Todesmarsch überlebte, hat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einige Jahre in Göttingen gelebt und am Felix-Klein-Gymnasium sein Abitur gemacht. Damals wurde er “[b]eim Anblick der friedlichen deutschen Familien auf Sonntagsspaziergang [...] von Rachegedanken geplagt” - verständlicherweise, möchte man hinzufügen. Heute fühlt sich Buergenthal wieder wohl in Deutschland.

Im Jahre 1951 wanderte Buergenthal in die USA aus, wo er eine steile juristische Karriere begann. Besonders die Durchsetzung der Menschenrechte in den weniger glücklichen Teilen der Welt war ihm immer ein wichtiges Anliegen. Inzwischen ist auch seine Autobiographie “Ein Glückskind” erschienen.





Gedenken im Vergleich

29 01 2007

Die beste Freundin von allen arbeitet für vier Wochen in Berlin. Das ist eine gute Gelegenheit, um dem täglichen Gang zum Briefkasten für ein paar Tage zu entsagen und mal wieder die Hauptstadt zu besuchen. Und so sitze ich nun auf dem Potsdamer Platz, nutze einen dankenswerterweise kostenlosen Hotspot und verzichte dafür gern ausdrücklich auf mein Fernmeldegeheimnis. Grundrechtsverzicht per Mausklick - was tut man nicht alles, um ins Internet zu kommen.

Mein erster Besuch des Denkmals für die ermordeten Juden Europas ließ mich, einen Tag nach dem internationalen Auschwitz-Gedenktag, eigenartig kalt. Vor einigen Wochen schnürte es mir im Holocaust-Memorial-Museum in Washington den Atem zu. Sachlich präsentierte, aber in ihrer Gegenständlichkeit umso grausamere Exponate aus den Konzentrationslagern, Modelle der Gaskammern und Berichte der Opfer rühren auch tausende von Kilometern entfernt von den Tatorten zu Tränen. Hier in Berlin dagegen, wo die Nazis ihre abscheulichen Verbrechen geplant haben, vermitteln Stelen aus Beton eher Leere als Abscheu oder Mitgefühl. Hier fehlen Menschen, Geschichten und Worte. Vielleicht ist das aber auch ein ganz gutes Symbol für die Lücke, die der millionenfache Mord an den Juden in der deutschen und anderen europäischen Gesellschaften hinterlassen hat.





Heute vor 200 Jahren: Das Ende des Heiligen Römischen Reiches

6 08 2006

Heute vor genau 200 Jahren legte Kaiser Franz II. auf Druck Napoleons die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (HRR) nieder und löste das Reich als Ganzes auf. Damit endete eine mitteleuropäische Territorialgemeinschaft, die seit dem Hochmittelalter in wechselnder Form bestanden hatte. Anders als Frankreich oder England, die sich - auch im Rahmen blutiger Auseinandersetzungen - immer stärker zentralisierten, wurde das HRR im Laufe der Jahrhunderte immer schwächer. Dagegen gewannen die Partikularstaaten, allen voran Österreich und Preußen, immer stärkere Kompetenzen.

Schon die Juristen der damaligen Zeit haben darauf hingewiesen, daß die einseitige Beendigung des Reiches durch Niederlegung der Krone verfassungswidrig war und nicht ohne Zustimmung der Kurfürsten und des Reichstages geschehen konnte. De facto blieb dem Kaiser aber keine andere Möglichkeit, und eine Klage vor dem - nunmehr ebenfalls aufgelösten - Reichskammergericht blieb natürlich aus.

In der Folge verlor Wien seinen Status als Hauptstadt des Reiches, und aus Kaiser Franz II. des Heiligen Römischen Reiches wurde Kaiser Franz I. von Österreich. Spätere Restaurationsversuche der Wiedererrichtung des Alten Reiches scheiterten. Stattdessen wurde der Deutsche Bund gegründet, und erst im Jahre 1871 erhielt Deutschland wieder einen Kaiser, der in Berlin und Potsdam residierte.

Ob man die deutsche Annexion Österreichs durch die Nationalsozialisten, das von 1938 bis 1945 die unselige Bezeichnung “Ostmark” trug, als einen letzten Versuch der Wiederbelebung der alten Reichsidee bezeichnen kann, darf wohl mit Recht bezweifelt werden. Allerdings lassen sich manche Ideen eines überstaatlichen, gemeinsamen Reiches aufgrund gemeinsamer, christlich-säkularisierter Werte in der Europäischen Union wiederfinden. Wenngleich ein Kaiser fehlt und die territoriale Ausdehnung ungleich größer ist, sind gewisse Parallelen unverkennbar.