Der gestrige Samstag hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie schnell sich das Leben ändern kann - und wir uns mit ihm:
Am Vormittag habe ich noch ganz in Ruhe Gutachten über Auswahlgespräche für die Vergabe von Stipendien geschrieben. Immer mehr Abiturienten und Studienanfänger bewerben sich angesichts von Gebühren und unsicherer Finanzierung für ein Stipendium. Und für eines der größeren deutschen Begabtenförderungswerke wähle ich seit Jahren bei Vor- und Hauptauswahlen mit aus. In diesem Semester fiel mir dies besonders schwer - sehr viele gute Bewerberinnen und Bewerber, interessante Bewerbungsakten und anregende Gespräche. Wer darf weiter zur zweitägigen Hauptauswahl, für wen endet der Traum vom Studienstipendium? - Lebenschancen.
Am Mittag suche ich mit der besten Freundin von allen in nahen Supermärkten nach Bananenkartons für Bücher, CDs und allerhand Kleinkram, da demnächst ein Umzug von Göttingen in die Nähe von Hamburg ansteht. Zufällig treffe ich eine ehemalige Referendarskollegin, mit der ich mich über das Leben nach dem zweiten Examen unterhalte: Mein neuer Job als Justiziar ist spannend und führt mich zu Kunden, Lieferanten, Seminarveranstaltern und Gerichtsterminen in ganz Deutschland. Dabei ist die Lernkurve recht hoch, denn angestellt bei einem Mittelständler bin ich nicht nur Berater in Rechtsangelegenheiten, sondern zugleich auch Assistent des Vorstands, Personaler und “Mädchen für alles” vom Einkauf bis zur Zulassung -
Lebenswege.
Am Abend dann ein Anruf der Familie: Ein lieber Verwandter der besten Freundin von allen hatte in unserer Nähe einen schweren Unfall, bei dem er vier Meter in die Tiefe gestürzt ist. Wir fahren sofort ins Uniklinikum und sind froh, ihn recht bald auf der Notaufnahme zu sehen: zwar schwer, aber nicht lebensbedrohlich verletzt, bei Bewußtsein und ohne Lähmungserscheinungen. Darüber informieren wir die näheren Angehörigen, die sich, noch auf der Autobahn in unsere Stadt eilend, größte Sorgen machen. Den Abend verbringen wir auf der Intensivstation, emotional schwankend zwischen dem Glück, daß der Verwandte überlebt hat, und dem Bangen, wie die Operationen der nächsten Tage verlaufen werden - Lebensgefahren.
Gegen elf Uhr in der Nacht laufen wir auf dem Weg zu unserem Parkplatz an meinem alten Studentenwohnheim vorbei. Dort wird das jährliche Sommerfest gefeiert, mit Bratwurst, Bier und viel Musik. Vor Jahren habe ich dort selbst Würstchen gegrillt, hinter der Theke gestanden und das eingenommene Geld gezählt. Gute Freunde, die sich gerade in Paris die Ehe versprochen haben, lernten sich vor Jahren auf diesem Fest kennen. Die beste Freundin von allen und ich beschließen, hier schnell ein verspätetes Abendbrot in Form eines Würstchens einzunehmen, um dann möglichst schnell nach Hause zu fahren. Doch schon bald sind wir umringt von ehemaligen Mitbewohnern und Freunden, sprechen über die Ausbildung und Jobs und Kinder und dieses so unglaubliche Leben, von dem wir nie wissen, was es uns morgen bringen wird.
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