Wenn es in den späten 70ern und frühen 80ern des letzten Jahrhunderts schon das Internet und Weblogs gegeben hätte, dann könnte ich jetzt möglicherweise meine Babyphotos (”Er ist ja sooooo süß!”), Berichte meiner Mutter über meine diversen Befindlichkeiten und Kinderkrankheiten (”Er zahnt schon!”), Zappelphilipp-Geschichten (”Warum sitzt er nicht still / schläft er nicht durch / mag er nicht richtig essen?”), Diskussionen über meine Ernährung und das richtige frühkindliche Spielzeug für mich (”Er ist ja so begabt!”) und – Gott bewahre! – MP3-Dateien mit Baby-Brabbeleien und Kindergartengesängen (”Mit drei Jahren kann er schon …”) herunterladen. Stattdessen gibt es glücklicherweise nur diverse alte papierne Fotoalben mit vergilbten Bildern, Erinnerungen an Milupa-Brei und Sanostol (ein Grund für über 190 cm Körpergröße?), einige im Elternhaus erhaltene selbstbemalte Erinnerungsstücke aus dem Kindergarten und eine vollgesunge Musikcassette mit Kindergarten-Hits wie “Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Zigarette Heu enthält” im hintersten Winkel des Dachbodens. Glück gehabt!
Die heutigen Kleinkinder haben es nicht so gut. Jungmuttis und -papis basteln Weblogs für die lieben Kleinen, stellen vom ersten Ultraschallbild bis zur Konfirmation ganze Bilderserien ihrer Sprößlinge auf ihre Internetseiten, und noch im Rentenalter um das Jahr 2080 werden die heutigen Kinder als Greise nachlesen können, wann ihnen im Jahr 2008 das Fieber der Mittelohrentzündung zugesetzt oder der Schneidezahn gewackelt hat. Ganz mutige Eltern diskutieren in ihren Weblogs sogar, ob man Schreikindern nachts ausnahmsweise mal ein leichtes Narkotikum verabreichen darf, wie man Maurice-Romeo das Fingernägelkauen abgewöhnt und warum Leana Tiara Aimee nach dem Genuss von Pastinake-Pampe immer so laut pupst. Etwa ab der Mittelstufe führen diese Einträge, die selbstverständlich nie wieder rückstandsfrei aus dem Netz zu entfernen sind, zu großer Freude unter den dann halbwüchsigen Klassenkameraden.
Muss man den armen Kindern das alles antun? Reicht es nicht, dass wir erwachsenen Blogger uns mit unseren eigenen Geschichtchen weltweit lächerlich machen? Oder juristisch formuliert: Gebieten es nicht allgemeines Persönlichkeitsrecht und Kindeswohl den Eltern, mit den personenbezogenen Daten ihres Nachwuchses und dabei vor allem den kindheitsbezogenen Aspekten sorgsam umzugehen?
Hoffentlich erinnert mich jemand umgehend an meine eigenen Worte, falls ich dereinst als stolzer Papa das erste Weblog für Kendra-Florentina oder Bobby Cedric Jonas eröffnen sollte…
(P.S. Aus naheliegenden Gründen finden sich in den Artikeln keine Verlinkungen. Die geneigte Leserschaft ist sicher längst selbst auf genügend abschreckende Beispiele der oben genannten Art gestoßen.)


Du hast das amüsant geschrieben, aber eigentlich gehört das gar nicht in die Kategorie “Humor”.
> Muss man den armen Kindern das alles antun?
> Reicht es nicht, dass wir erwachsenen Blogger
> uns mit unseren eigenen Geschichtchen weltweit
> lächerlich machen?
Viel problematischer ist die Zeit zwischen Baby und Erwachsenen, wenn nämlich die Kinder und Jugendlichen selbst ihre Bilder, Filme und Texte ins Netzt stellen und sich der Folgen nicht bewusst sind.
Die Gesellschaft wird noch lernen, damit umzugehen (vgl. hierzu http://lawgical.jura.uni-sb.de/index.php?/entry/359-IRIS-2008-Das-Ende-der-Privatheit-Wie-unsere-Daten-im-Internet-verteilt-werden-Podiumsdiskussion.html ). Aber das wird noch etwas dauern und die Kinder und Jugendlichen von heute haben dann wohl Pech gehabt.
So leid es mir tut, und so gern ich Babyblogs lese… aber ich muss ihnen zustimmen!
Ich denke aber trotzdem das sich solche Blogger im Klaren sind, das sie einen wirklich tiefen Einblick sie in ihr privatleben geben. Ob sie auch an die zukunft ihrer Kinder gedacht haben bleibt offen…
[...] des Internets als Publikationsmittel für jedermann und -frau, preist obiterdictum in diesem wieder köstlich geschriebenen Artikel. Was die süßen kleinen Fratze noch gar nicht ahnen, ist, [...]