Die Schere im Kopf

20 10 2006

Bloggen und Blawgen mit Impressum und unter Realnamen ist unter Umständen mit Risiken verbunden. Anwälte haben es vergleichsweise gut, sofern sie das Anwaltsgeheimnis wahren, Fälle anonymisieren oder das Einverständnis ihrer Mandanten zur Veröffentlichung einholen.

Anders verhält es sich dagegen mit Studenten und Referendaren. So wird z.B. die Ansicht vertreten, daß es sich beim Inhalt von Klausuren um Dienstgeheimnisse handele. Professoren, deren Veranstaltungen von Studenten bewertet werden, haben oft nicht begriffen, daß sie mit ihren Produkten auf einem (internationalen) Markt konkurrieren, und gerieren sich teilweise wie Provinzfürsten. Und so fürchten sich viele Studenten vor dem freien Wort, betrachten das Bloggen mit Argwohn und hüten sich (oft nicht nur online) davor, auch nur ein falsches Wort zu verlieren.

Ein Beispiel für diese Tendenz liefert Tommy, der heute sein sehr empfehlenswertes und interessantes Blog Law, my life and more geschlossen und diesen Schritt in den Kommentaren des German American Law Journal auch begründet hat. Was aber ist die Meinungsfreiheit wert, wenn sich aus Angst vor nachteiligen Konsequenzen im Berufsleben niemand mehr traut, diese in Anspruch zu nehmen?


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14 Antworten

20 10 2006
Gerd Kraemer

Noch so eine beunruhigende Tendenz: Blogger – auch Blawger und besonders bloggende Jurastudenten, -studentinnen und Rechtsreferendare – neigen dazu, sich sehr, sehr wichtig zu nehmen.

21 10 2006
Christian

Sie nehmen sich natürlich weniger wichtig, Herr Kraemer. Das merkt man Ihrem Kommentar deutlich an. :-)

21 10 2006
Christian

Noch eines: Blogger, Jurastudenten und Referendare würden sich selbst vielleicht weniger wichtig nehmen, wenn das akademische/justizielle Umfeld in Deutschland nicht derart versnobt und von persönlichen und parteilichen Beziehungen abhängig wäre. Das fängt mit der Vergabe von Hiwi-Jobs und Doktorandenstellen an und hört bei der Einstellung von W-Professoren und Richtern noch lange nicht auf.

Über diejenigen Damen und Herren, die die Texte ihrer Hiwis für teures Geld an Verlage verkaufen, damit ihre Forschungsberichte aufhübschen und die wahren Autoren anschließend nicht einmal in der Fußnote (!) dankend erwähnen, regt sich inzwischen ja schon niemand mehr auf. Auf diese Weise kann sich eine Tradition des free thinking, ein freier Wettbewerb von Ideen und gute Wissenschaft aber nicht etablieren.

Sie halten das für übertrieben? Dann mailen Sie mich mal an und ich sage Ihnen, welcher Lehrstuhlinhaber mir während meines Studiums mit persönlichen Konsequenzen gedroht hat, falls ich in der Berufungskommission für eine C4-Professur nicht gegen seinen Erzfeind stimme. Ich sage Ihnen auch, welcher Professor den Stecker eines studentischen Servers aus dem Netz gerissen hat, weil ihm das Portrait eines ungeliebten Kollegen der Fakultät auf der Institutshomepage nicht gefiel. Der dadurch verursachte Schaden: 1.500 DM, für Studenten viel Geld. Gern teile ich Ihnen auch mit, welcher Professor mehrfach auf dem Campus vor einer Doktorandin auf den Boden gespuckt hat, weil sie sich wegen mangelnder Betreuung einen anderen Doktorvater gesucht hat. Und von meiner hochnotpeinlichen “akademischen Abschlußfeier”, auf der die Diplomierung von zehn Absolventen schlicht vergessen wurde, sowie von den Versuchen einer Nachbarfakultät, ihre Nazivergangenheit durch das Verstecken von Akten vor DFG-Forschern unter den Teppich zu kehren, fange ich hier lieber erst gar nicht an. Auch über das Leid von Doktorandinnen, deren Doktor”väter” als Gegenleistung für die Annahme ihrer jahrelangen Forschungsarbeit Sex fordern, schweige ich an dieser Stelle.

Blogger, Studierende und Referendare nehmen sich zu wichtig? Vielleicht. Möglicherweise läuft aber auch etwas gewaltig schief an deutschen Universitäten und im sonstigen akademischen Betrieb.

21 10 2006
ck

Warum hoert man so etwas nicht auch an anderer Stelle? Hoffentlich zeigt das Schweigen keine Schwachstellen im Recht auf Meinungsfreiheit auf.

Ueber Missstaende frei berichten zu koennen – ebenso wie ueber Stolz auf Leistungen der eigenen Uni, wie man es bei Law, My Life gewohnt war, – rechtfertigt die Existenz von Blogs. Das hat nichts mit einer Ueberschaetzung der Blog-Person zu tun.

Natuerlich gibt es Ich-Blogs, deren geistigen Naehrwert man bezweifeln darf, und selbst im besten Blog findet man Eintraege, die besser nicht geschrieben waeren. Vergleichbares gilt jedoch auch fuer die anderen Medien.

Aus meiner Perspektive war Law, My Life das beste Aushaengeschild Bochums und seiner Uni, insbesondere der juristischen Fakultaet.

21 10 2006
Gast

Es gibt, wie im richtigen Leben, auch bei den Damen und Herren Jurastudierenden die unterschiedlichsten Auspraegungen. Eines ist mir jedoch in meinen jahrelangen Aufenthalten an dt. Universitaeten bewusst geworden: Kaum ein Fach zieht so viele Versager, Feiglinge, Neurotiker und Besserwisser an. Das ist leider eine Last, mit der wir Leben muessen. Wir sollten darauf jedoch ein waches Auge haben. Es ist immer ungut, wenn man solchen Problemkindern das Herrschaftswissen Jura an die Hand gibt und ihnen damit Wege in die Gesellschaft oeffnet, ihre oft schlechten Tugenden mit Macht und Einflusss auch noch auszuleben. Insbesondere dann, wenn die Hasen auch noch alle aus einem Stall stammen.

21 10 2006
Tommy

@ Gerd Kraemer
Ich wüsste nicht, wo ich mich zu wichtig genommen hätte. Ich habe lediglich einem befreundeten Blogger auf einen Beitrag geantwortet, der sich nun mal auf mich bezog. Das darf man doch wohl noch machen, ohne sich gleich dem Vorwurf der Selbstüberschätzung auszusetzen.
Zum Thema selber: Vielleicht ist es ihnen einfach nicht bewusst, aber in meinem Studienfach entscheidet die Examensnote wesentlich über meine berufliche Zukunft mit. Meine Professoren haben neuerdings auf einen gewissen Prozentsatz dieser Note erhebliche Einflussmöglichkeiten. Das KANN ich nicht ignorieren, ich habe keine Möglichkeiten, über “Vitamin B” eine Stelle unabhängig von meine Note zu bekommen.

21 10 2006
Tommy

Um es etwas plastischer zu machen: Ich war in dieser Woche Teilnehmer einer kleinen Vorlesung, deren Dozent nicht in der Lage war, den Begriff “Neger” nicht zu verwenden, wenn er von schwarzen Menschen sprach. Meinen Sie ich könnte so etwas kritisch in meinem Blog erwähnen und bei der gleichen Person ein Examensseminar besuchen?

21 10 2006
-thh

Zur *Freiheit*, die eigene Meinung äußern zu *dürfen*, gehört auch immer der *Mut*, das dann auch zu *tun*. Daß das zu Konsequenzen führen kann, ist selbstverständlich – wer einen Konflikt nicht aushalten oder mit den Konsequenzen nicht leben kann, muß dann eben den Mund halten. Dabei ist es egal, ob es darum geht, in der Straßenbahn etwas gegen Rüpel zu sagen oder in seinem Blog etwas über einen Professor – in einem Fall riskiert man Prügel, im anderen eine negative Benotung, und in beiden Fällen muß man abwägen, ob man dieses Risiko eingehen möchte oder ob für einen ganz persönlich der Stellenwert der Meinungsäußerungsfreiheit nicht doch niedriger ist als die eigene körperliche Unversehrtheit oder die Note und das persönliche Fortkommen.

Es ist der Meinungsäußerung immanent, daß – im übrigen: je pointierter man seine Meinung äußert, desto mehr – es Menschen geben wird, die diese Meinung nicht nur nicht teilen, sondern auch in einem solchen Maße ablehnen (sei es aufgrund mangelender Kritikfähigkeit oder engstirniger Ansichten oder aufgrund der Art und Weise oder auch des Inhaltes der entsprechenden Meinungsäußerung), daß sie soziale Konsequenzen ziehen. Zu allem etwas – auch in deutlichen Worten – zu äußern, aber zu diesen Äußerungen nicht auch stehen zu müssen, ist zwar sicherlich sehr bequem, hat aber mehr mit Vollkaskomentalität zu tun als mit freier Meinungsäußerung.

Daher ist ein “impressumsfreies” Blog kein Ausdruck der Meinungsfreiheit, sondern der Feigheit – oder, höflicher ausgedrückt, des mangelnden Mutes, zur eigenen Meinung auch zu stehen. Daraus läßt sich dann auch zwanglos auf die Stärke der dahinterstehenden Überzeugung zurückschließen.

YMMV.

(Ausführlicher zum Thema auch http://th-h.de/blog/archives/1214-Freiheit-ohne-Verantwortung.html)

21 10 2006
korrektor

@christian

nötigung, sachbeschädigung, beleidigung, urkundsdelikte…geh zur polizei oder soll die dich erst anmailen?

21 10 2006
Uwe

@ thh:

Daß man für seine Äußerungen einstehen muß, ist eine Sache.

Was Du da erzählst, geht darüber aber weit hinaus. Nämlich zu dem Punkt, alle denkbaren Repressalien zu akzeptieren oder gar gutzuheißen, die jemand durch eine öffentliche Stellungnahme hinnehmen muß. Denn danach wäre es auch nicht weiter zu beanstanden, daß jemand fristlos aus einem Arbeitsverhältnis entfernt wird, weil er der SPD beitritt oder sein Konto gekündigt wird, wenn er einer Partei angehört, die die veröffentlichte Meinung für anrüchig hält.

Also etwas mehr Differenzierung, bitte. Sonst ist die Meinungsfreiheit wirklich nicht mehr viel wert (bzw. nur noch für Leute mit dicken Oberarmen oder Bankkonten [oder beidem]). Mit ein paar schmissigen Parolen von wegen “Vollkaskomentalität”, “Feigheit” usw. wird das nicht richtig erfaßt.

21 10 2006
ck

Wenn die Meinungsfreiheit noch halbwegs garantiert ist, kann man sich natuerlich fein gegen die Anonymitaet stellen. Wenn sie mal dahin ist, weil sie ploetzlich – durch einen Diktator – verschwunden oder schleichend – durch die Aufweichung vorgeblich zum Schutze der Rechte Dritter, womoeglich beleidigter Leberwuerste, – aufgeweicht und dahingeschmolzen ist, sollen dann alle den Mund halten? Pech gehabt?

Oder sollte man sie nicht, solange sie noch halbwegs existiert, um jeden Preis verteidigen? Und zwar in ihrem ganzen Umfang?

Als die anonyme Rede von den Amerikanern verfassungsmaessig geschuetzt wurde, hatten sie gerade eine schlimme Zeit erlebt, in der Anonymitaet ueberlebenswichtig war. Nach nach der Gruendung der USA wurden die Leute wegen ihrer politischen Ansichten noch eine Zeitlang abgemurkst, wenn ihre Identitaet aufflog. Deshalb sieht man dort auch nicht Feigheit als Gegenpol zur Impressumspflicht. Selbst das Wort ist unbekannt.

Ist es nicht im Sinne aller, wenn jede Meinung bekannt und nicht – gleich wie subtil – unterdrueckt wird? Sollte der Staat sich nicht zurueckhalten und selbst Rechte Dritte, wie Beleidigungsansprueche, nur auf kleinster Flamme verfolgt werden duerfen, damit die Allgemeinheit ein Verstaendnis dafuer erhaelt, was in ihr vorgeht? Je besser man den anderen hoert, desto besser versteht man ihn, selbst wenn man nicht seiner Meinung ist.

Ich denke, als Prof. wuerde ich Wissenschaft und Lehre auch doenen, wenn ich zur Kenntnis nehmen kann, was die Studenten denken, gleich ob es anonym, offen, schmerzhaft oder angenehm ist. Das geht mir als Ausbilder von Jungjuristen genau so. Und wenn ich nach Vortraegen die anonymen Auswertungsboegen erhalte, ebenso, und das ist gut so.

Wollen wir es uns als Gesellschaft leisten, dass abweichende Meinungen aus Angst vor eine Impressumspflicht unterdrueckt gaeren, bis sie explosiv in irgendeine verrueckte oder vermeidbare Tat umgesetzt werden? Oder glauben die Befuerworter der Impressumspflicht, dass sich die Abweichler schoen ordentlich an die Anbieterkennzeichnungspflichten halten und damit die Welt in Ordnung ist?

27 10 2006
rozzenplozz

bei dieser gelegenheit: was ist eigentlich mit http://www.ruhrstadtundrecht.de passiert?

27 10 2006
Christian

Ohje. Dort steht nur

“Liebe Besucher,
der Weblogbetrieb an dieser Stelle wurde eingestellt.”

Das klingt allerdings sehr amtlich.

27 10 2006
rozzenplozz

vielleicht geht man mit dem eintritt ins referendariat automatisch zu einer derartigen sprache über?

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